4. Fontane-Preis für junge Schreibende 2019

Wettbewerb

ausgelobt von der Theodor-Fontane-Gesellschaft e.V., in Kooperation mit der Fontane-Festspiele gUG und unterstützt von der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburg

 

3. Preis, Klasse 10 bis 13

 

Julia Krassel, 18 Jahre, Kyritz

Oberstufenzentrum Neuruppin/Berufliches Gymnasium, Klasse 12

 

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen

„Hallo, hört ihr uns? Wir sind Leni und Tom. Normalerweise bekommen wir nicht die meiste Aufmerksamkeit. Naja, die eine oder andere Frau schreit vielleicht vor Freude bei unserem Anblick, wenn sie uns im Regal erblickt oder uns der Postbote erst neu zu ihr nachhause aus-liefert. Zudem werden wir regelmäßig geputzt und gepflegt. Das ist doch dann ein richtiges Zuhause, oder? Genauso stellen wir uns das zu mindestens in unseren Träumen vor. Doch  diese Gedanken stellen ausschließlich Vermutungen dar, denn wir können nicht mit Gewissenheit sagen, ob es wirklich so ist, da uns diese Vorstellungen lediglich von bereits stolzen Besitzern einer eigenen Heimat angetragen wurden.“
„Ein eigenes Zuhause nur für uns, das wäre es doch“, murmelte Leni träumend vor sich hin. „Aber wir sind nun einmal hier“, erwidert Tom. „Mir ist bewusst, dass uns die meisten Menschen nur im Vorbeigehen wahrnehmen, denn ihr eigentliches Interesse gilt den meistgekauften High Heels und Sneakern, einige Regale weiter“, stellt Leni traurig fest. Daraufhin äußert Tom eine rhetorische Frage, wobei die Worte beinahe eine Schlussfolgerung der derartigen Situation ausdrückten: „Aber wir fühlen uns ja auch wohl hier, schließlich ist das Geschäft von Tante Klara doch unser Zuhause oder nicht?“ „Das mag sein. Doch warum wirken alle unsere verkauften Freunde glücklicher als wir, wenn sie mit ihren neuen Besitzern mal wieder vorbeischauen?“ Dieses Thema ließ Leni einfach keine Ruhe. Eines späten Nachmittages sollte sich nun plötzlich alles ändern: Eine junges Mädchen, mit blonden Haaren und einem sympathischen Lächeln, kam mit leuchtenden Augen auf Leni und Tom zu und sagte: „Ja Mama, genau die, die will ich haben. Die wären doch perfekt für mein Auslandsjahr in Australien.“ Tom und Leni sahen sich irritiert an. „Meint sie wirklich uns?“ fragte Leni verwundert. Das Mädchen probierte erst den einen und dann den anderen der beiden Wanderschuhe an. Tom lacht. „Oh das kitzelt“, schrie er laut auf. Das Mädchen schien überglücklich und drehte sich im Kreis, hüpfte und jauchzte vor Freude. Tom und Leni konnten es gar nicht glauben. Wenige Minuten später zog das Mädchen die Schuhe wieder aus und übergab sie der Verkäuferin Tante Klara. Sie legte sie vorsichtig in einen dunklen Karton und deckte sie behutsam mit Samtpapier zu. Die Freude, etwas Besonderes zu sein, überwältigte Leni und Tom. Doch im Karton ließ die emotionale Aufregung sie los und ein Gefühl übermannte sie, welches sie zuvor noch nie gespürt haben. Wie wird es sein, so weit weg von dem Ort, an dem sie ihr ganzes Leben verbracht haben? Das Mädchen nahm die Tüte mit den neuen Schuhen und verließ gemeinsam mit ihrer Mutter das Geschäft. Ihr Name war übrigens Celine. In der Wohnung des Mädchens angekommen, wurden die Zweifel der beiden Freunde immer lauter. Alles sah ganz merkwürdig aus, so viele Räume, aber nirgendwo entdeckten sie herumstehende Schuhe, oder gar Schuhregale. „Die leben aber komisch“, flüsterte Tom, während das Mädchen die beiden Schuhe in eine Tasche mit ganz vielen anderen Sachen legte. „Hast du alles gepackt?“, fragte die Mutter mahnend und fuhr fort: „Morgen früh geht deine Reise los.“ Tom und Leni verloren beim Wort „Reisen?“ fast schon ihre braune Farbe. Doch bevor die wachsenden Zweifel und Ängste der beiden überhaupt geäußert werden konnten, saßen sie gemeinsam mit dem Mädchen im Auto auf dem Weg zum naheliegenden Flughafen. Ihre Eltern verabschiedeten sich tränenreich und mit den besten Wünschen von ihrer Tochter. Leni und Tom konnten dieses Verhalten nicht nachvollziehen. „Warum weinen denn alle, ist Reisen nicht etwas Schönes?“ Nach stundenlanger Zeit öffnete das Mädchen endlich den Reißverschluss und befreite die beiden von dem übelriechenden Geruch des Camembertbrotes, das in der Tasche neben ihnen lag. Aber wo waren sie? Nichts kam Leni und Tom bekannt vor. Zudem fühlten sie, dass sie in Australien waren. „Aber was ist Australien? Ist das jetzt unsere Heimat?“ So viele Gedanken schossen Leni die letzten Tage durch den Kopf. Doch das Gedankenkarussell beruhigte sich nicht, die Eindrücke wechselten stetig. So bereisten sie mit dem Mädchen gemeinsam den Kontinent und entdeckten viel Neues. Doch die Frage, ob Australien bald ein Zuhause für die beiden Freunde sein wird, blieb offen. Das Mädchen folgte ihrem Fernweh, so erkundete sie in den folgenden Jahren noch viele Kulturen, natürlich immer in Gesellschaft ihrer treuen Begleiter. Sie reisten nach Thailand, Afrika, China und an so viele tolle Orte. An jedem Ort hielt sie ein Moment fest, indem sie lustige Fotos von Leni und Tom aufnahm, beispielsweise Leni und Tom auf der Chinesischen Mauer, Leni und Tom beim Klettern oder Leni und Tom auf einem Kamel. Die gedruckten Fotos klebte sie dann in ein Album.

Die Jahre vergingen und Celine wurde älter, Begegnungen mit anderen Schuhen und das Betreten unbekannter Wege zeigte den beiden, dass fremde Kulturen, fremde Menschen und fremde Einstellungen nur solange fremd sind, bis man das Gefühl entwickelt, willkommen zu sein. Und eben dieses Gefühl gab ihnen das Mädchen. Die Reise lehrte sie, dass jeder seine Heimat finden kann. Gleich, wo sie waren, ob bei Tante Klara im Laden, im engen Schuhkarton und selbst in der Fremde.