4. Fontane-Preis für junge Schreibende 2019

Wettbewerb

ausgelobt von der Theodor-Fontane-Gesellschaft e.V., in Kooperation mit der Fontane-Festspiele gUG und unterstützt von der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburg

 

2. Preis, Klasse 10 bis 13

 

Anwar Alahmad, 22 Jahre, Potsdam

Heinrich von Kleist – Abendschule, Potsdam, 9. Klasse

 

Heimat?

Ich kam einst aus Homs und ich lebte in einem Stadtteil, welcher sehr schön war. Die Schule war nicht sehr weit weg von meinem Elternhaus. Ich durfte allein zur Schule gehen, manchmal, aber nur manchmal, begleitete mich meine Mutter dorthin. Ich fuhr mit dem Rad. Hier traf ich meine Freunde, wir betraten die Schule und alle zusammen sangen die Nationalhymne. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Wir trugen alle eine blaue Schuluniform. Vor der Schule gab es etwas zu essen, in meiner Sprache hieß es „ful“, ich weiß nicht wie es in meiner neuen Sprache heißen könnte. Zuhause aßen wir gemeinsam, wir machten die Hausaufgaben und bisher war mein Leben, nicht anders, als das Leben der Kinder, die ich heute in einer anderen Heimat beobachte. Vielleicht war es etwas strenger, ich durfte erst nach draußen, wenn die Hausaufgaben fertig waren. Mit den Kindern der Nachbarn spielten wir zusammen Verstecken, wir zählten, versteckten uns und wurden gefunden. Fußball war wichtig, wir dachten nicht nach, wurde jemand böse, nahm er uns den Ball weg und das Spiel war zu Ende.

Ich hatte alles, alles was ich brauchte, meine Familie, meine Freunde, meine Heimat. Ich kann es nicht genau beschreiben, ab wann sich meine Heimat aufzulösen begann. Alle waren noch da und so langsam merkte ich, dass erste Freunde weg waren. Und plötzlich mussten wir weg. Hier beginnt meine Reise. Dort fing die Fremde für mich an und ich wusste nicht, wo ich die nächste Zeit leben würde, die Sprache war noch dieselbe. Wir reisten plötzlich hin und her, Orte, zu denen ich keine Beziehung hatte, waren keine Heimat mehr. Die einzige Heimat blieb meine Sprache. Irgendwann wohnten wir in der Nähe der großen Stadt und gingen wieder zurück in die Stadt, in der ich geboren war und ab dann gehörten die Sorgen zu meinem Leben. Ich besuchte keine Schule mehr, ich verbrachte viele Tage im Keller. Unten war dort, wo es sicher war. Die Jahre vergingen ohne Perspektive. Alle erzählten, dass es besser, anders werden würde, ich konnte es nicht einschätzen. Die Veränderungen gingen schnell, ich sah die Trümmer und es war immer noch meine Heimat.

Die Jahre vergingen und die Heimat veränderte sich in jeder Minute, so dass es mit der Zeit immer mehr ein Land wurde, in dem ich nicht mehr leben konnte.

Eine Reise, an die ich mich nicht mehr erinnern werde!

Ich kam in einem anderen Land an, indem ich noch nie war. Dort fing für mich die Fremde an, aber die Sprache war noch dieselbe. Wir reisten in ein anderes Land und dort änderte sich alles für mich, ich wurde krank und dort merkte ich zum ersten Mal, dass ich meine Muttersprache nicht mehr anwenden konnte. Alles hatte einen anderen Klang. Wir reisten weiter und es gab so viele Veränderungen. Je weiter wir fuhren, desto unterschiedlicher waren die Sprachen, die Leute, das Essen und deren Kultur. Nichts davon war mir vertraut. Es gab nichts mehr, was mir vertraut war und ich hatte alles zurück gelassen, was mit meiner alten Heimat zu tun hatte. Ich konnte mit der einzigen Sprache, die ich gelernt hatte, mich nicht mehr verständigen. Je länger die Reise dauerte, um so mehr unterschiedliche Sprachen hörte ich und die Welt veränderte sich ständig. Wo würde ich ankommen?

Nach mehreren Monaten fing ich allein an mich mit der neuen Sprache zu beschäftigen, neue Zeichen und ein anderer Klang. Für mich war es nicht einfach, wenn ich die Sprache anwenden musste. Endlich hatte ich eine Aufgabe für mich gefunden: das Lernen der neuen Sprache. Je mehr ich mich mit der Sprache beschäftigte, um so interessanter wurde die neue Sprach-Heimat. Die Sprache wurde zur großen Herausforderung um die Kultur und die Menschen kennen zu lernen. Die Sprache forderte mich heraus, ich lernte, dass ich vor einem großen Wörterberg stand. Fleißig bestieg ich den Berg, mit dem Ziel, eine Sprach-Heimat zu erreichen. Ich merkte plötzlich, dass ich meine Mutter-Sprache nur noch anwende, um andere zu begleiten. Die Schrift, die ich gelernt hatte, ist nur noch ein Bild. Ich wende sie an, um mit der verlorenen Heimat in Kontakt zu bleiben. Ich kam zu einem Punkt, wo ich merkte, dass ich in der neuen Sprache mehr schreibe, als in der alten Sprache. Sprache ist mehr als nur Worte, die ich lernen musste um mich zu verständigen. Wortschatz, Grammatik, Redewendungen, Sprichwörter, das alles faszinierte mich und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich hier angekommen bin. Sprache war das Erste, was ich als Kultur hier wahrgenommen habe. „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Bin ich heimatlos, wenn ich meine Sprache nicht mehr anwenden kann? Nein, in der neuen Sprache suche und finde ich eine neue Heimat.

Meine alte Sprache hat einen anderen Klang und den vermisse ich manchmal. Ich stelle mir vor, dass ich nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Sprache verlieren könnte. Ich merkte, dass ich mehr als nur diese Sprache brauche. Meine Welt war geprägt, durch meine Sprach-Heimat. Und nun merkte ich, dass nur wenige Kilometer von der neuen Heimat entfernt, wieder eine andere Sprache gesprochen wird, die ich wahrscheinlich nicht lernen werde. Und so überlegte ich, welche Sprache ich noch lernen könnte, um mich mit Nachbarländern verständigen zu können. Es kann nur Englisch sein und dann stelle ich mir vor, dass ich mich wie Fontane einen Moment lang daran erinnere, wo meine erste Heimat war.

 

(PS: Anwar Alahmad schrieb, dass er seit 2015 in Potsdam lebt. Da er einige Jahre die Schule nicht besuchen konnte, versucht er nun, an der Abendschule alle Schulabschlüsse bis zum Abitur nachzuholen. Derzeit besucht er die Klasse 9 und ist im März 22 Jahre alt geworden. Die Aufgabenstellung der 10.-13. Klasse hielt er für angemessen.)