4. Fontane-Preis für junge Schreibende 2019

Wettbewerb

ausgelobt von der Theodor-Fontane-Gesellschaft e.V., in Kooperation mit der Fontane-Festspiele gUG und unterstützt von der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburg

 

1. Preis, Klasse 7 bis 9

 

Moritz Sebastian Ritter, 15 Jahre, Neuruppin

Karl-Friedrich-Schinkel-Gymnasium, Neuruppin, Klasse 9

 

Mit anderen Augen …

Es war einst eine Maus. Diese lebte allein in ihrem Loch, das sich in einem großen alten Haus befand. Jeden Tag war sie damit beschäftigt, Staub zu wischen, ihre Runde zu drehen und nach etwas Essbarem zu suchen. Jeden Tag das Gleiche, sieben Tage die Woche, vier Wochen im Monat. Sie war nicht mehr zufrieden mit ihrem Leben. In dieser alten Villa, in der sie wohnte, lebten seit langem keine Menschen mehr. Nachdem der letzte Besitzer einen Herzinfarkt erlitten hatte, wurde das Haus verlassen und seit dem verrottete es nach und nach. Für die Maus galt jedoch nur ein Motto: Es niemals zu verlassen. Auch wenn sie sich öfter danach sehnte, Neues zu entdecken und wenn ihre Sehnsucht zu groß war, dann krabbelte sie auf eines der alten großen Fensterbretter, versuchte durch die dicke Staubschicht zu blicken, die auf den Fensterscheiben lag und begann eifrig sich das Land der schönen Natur vorzustellen, zu dem sie eine alte Karte gefunden hatte, die hinter einem der riesigen Gemälde heruntergefallen war. Auf der Karte war ein Land eingezeichnet, ein Land über dem nur noch schwer zu lesen war: Land der schönsten Natur; die M…rk Br..nd..g. Mehr konnte die Maus nicht entziffern und so sehr sie auch den Drang hatte, dieses Land zu finden, wusste sie genauso, dass viele Gefahren außerhalb dieser alten, morschen Wände lauerten und dies nichts für eine feige Maus war.

So war es, das Leben dieser kleinen Maus. Jedoch benötigte es nicht viel Zeit, bis sich mit einem Mal alles abrupt änderte.

Ein Knall und ohrenbetäubender Lärm. Die kleine Maus schreckte auf aus ihrem Schlaf. Sie rieb sich ihre Augen und rannte zu ihrem Locheingang. Als sie dann in das riesige Wohnzimmer blickte, stach ihr ein gewaltiger Baum ins Auge, der umgekippt und dann in die Villa gekracht war. Das halbe Haus war eingerissen, es regnete, im Wohnzimmer sammelte sich Wasser und die kleine Maus konnte nichts unternehmen. Sie war wie in Trance, ging langsam zum Baum, betrachtete ihn und kletterte hinauf. Dann lief sie den Stamm entlang bis zu seinen Wurzeln. Sie war nun außerhalb des Hauses. Sie hatte es verlassen. Die kleine Maus sah sich um. „Wow!” sagte sie. Vor ihr lag ein großer Garten mit ganz viel Grün und dahinter sah sie hunderte, dicht beieinander stehende Bäume. Es war die Grenze zum Wald. Sie erinnerte sich, dass damals ihre Großvatermaus immer sagte, im Wald sei es gefährlich und es wäre ein Ort des Grauens für Mäuse. Die kleine Maus fürchtete sich zwar, aber ihre Neugier überragte ihre Angst. Sie stand zwischen Baum und Borke, im wahrsten Sinne des Wortes, denn mittlerweile hatte sie den Wald erreicht und die alte Villa längst hinter sich gelassen. Es war ihr sehr schwer gefallen, ihr langweiliges, aber geliebtes Zuhause zu verlassen. Die Maus war aber ebenfalls der Meinung, man müsse Neues wagen. Sie stolzierte nun durch den Wald, der Regen hatte aufgehört und sie entdeckte Dinge, von denen sie nur gehört hatte. Pilze ragten aus der Erde, manche braun, andere rot-weiß. Moos bedeckte Steine und Erde und verwandelte alles zu einem Teppich, wie jener, welcher in der alten Villa lag, dachte sich die Maus. Von den großen Bäumen tropfte ab und zu Wasser herunter und traf die Maus auf der Schnauze, aber sie fand es nicht schlimm, denn so wusste sie, dass sie nicht träumte. Dann, auf einmal stand sie am Rande eines Weges. Sie betrat ihn und blickte sich um. Da sah sie ein altes Holzschild, das auch nicht vor dem Moosteppich sicher gewesen war. „Mark Brandenburg”, las die kleine Maus. „Was soll das denn sein?” dachte sie sich. „Da gibt es doch eh nichts Großartiges.”, sagte die kleine Maus. Jedoch ließ auch hier ihre Neugierde nicht locker und die Maus nahm auch dieses Risiko auf sich und ging in die Richtung, auf die das Schild verwies. Sie wanderte einige Stunden, war begeistert von dem Ergebnis, das Mutter Natur geschaffen hatte, und wurde langsam hungrig. Letztendlich kam die Maus an einen kleinen plätschernden Bach. Sie trank einen Schluck, entdeckte einen Strauch mit Beeren und aß von ihm. Dann hörte sie ein Geräusch. Sie drehte sich um und plötzlich stand vor ihr ein etwas größeres Wesen mit rotem Fell. Ein Eichhörnchen.

„Guten Tag, Sie graue Maus, was machen Sie denn hier in diesem Teil der Mark?” fragte es mit seltsamem Akzent. „Ich, ich bin unterwegs. Ich lebte in einem alten Haus, doch dann stürzte ein Baum darauf und zerstörte das Haus. Ich nutzte die Chance und ging in die weite Welt.”, erklärte sie dem Eichhörnchen. „Aha, also du bist eine Hausmaus?” fragte es. „In der Tat”, antwortete es „aber, dürfte ich mir eine Frage erlauben?” fragte sie. „Natürlich”, sprach das Eichhörnchen. „Du sagtest gerade, ich wäre in der Mark, aber ich bin doch noch auf dem Weg dorthin?” fragte es verwirrt. „Nein, mein kleiner grauer Freund. Alles, was du hier siehst, ist die Mark Brandenburg. Was du isst, ist die Mark Brandenburg und selbst, was du trinkst ist die Mark Brandenburg.”, sagt es. Die Maus war verwirrt, sie dachte, sie müsse noch Tage laufen, um die Mark endlich zu erreichen, jedoch war sie längst da, alles, was sie bisher bewundert hatte und was sie in Erstaunen versetzt hatte, war die Mark Brandenburg. „Komm mit, kleiner Freund”, sprach das Eichhörnchen „ich nehme dich mit zu mir in meine Baumhöhle.” Die Maus folgte dem Eichhörnchen und als die Nacht hereingebrochen war, kamen sie endlich an. Hungrig und müde trafen sie in der Baumhöhle ein. Die Maus bekam von dem Eichhörnchen köstliche Nüsse, welche, wie das Eichhörnchen bestätigte, 100% aus der Mark waren.

Nachdem das Essen verspeist war, kletterte die Maus noch einmal aus der Baumhöhle heraus, auf den am höchsten gelegenen Ast des Baumes und sah sich um. Sie war sprachlos. Alles war dunkel, man hörte Grillen zirpen und tausende von kleinen Sternen funkelten am Himmel. „Ja”, dachte sich die kleine Maus „das ist das Land mit der schönsten Natur.”