4. Fontane-Preis für junge Schreibende 2019

Wettbewerb

ausgelobt von der Theodor-Fontane-Gesellschaft e.V., in Kooperation mit der Fontane-Festspiele gUG und unterstützt von der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburg

 

1. Preis, Klasse 3 bis 6

 

Marieke Drefahl, 10 Jahre, Neuruppin OT Bechlin

Evangelische Grundschule Neuruppin, Klasse 5b

 

Ein Ausflug nach Neuruppin

Morgen ist es so weit. Morgen schreiben wir einen Test über Neuruppin und Theodor Fontane. Damit wir uns auskennen, machen wir heute einen Ausflug nach Neuruppin.

„Guten Morgen Klasse 5b!” brüllt unsere Lehrerin durch den Bus.

„Guten Morgen Frau Rasche!” brüllt die Klasse 5b zurück.

Nach einer Stunde und zweiunddreißig Minuten kommen wir endlich in Neuruppin an. Wir sind etwas verwirrt. Hier stehen kaum Hochhäuser, nur wenige Geschäfte.

„Wenn ihr euch benehmt, essen wir ein Eis”, ruft unsere Lehrerin. Dann ist es ja klar, die ganze Klasse wird leise sein, es wird langweilig werden und am Ende gehen wir eh kein Eis essen.

Nach einem kleinen Fußmarsch stehen wir vor der Apotheke. „Das ist die Löwen-Apotheke, das Geburtshaus von Theodor Fontane”, erklärt unsere Lehrerin, genauso als wüsste sie alles über Fontane.

„In diesem kleinen Haus wurde Fontane geboren?” meine Freundin ist verwirrt. „Sehr witzige Frage”, mault die Lehrerin. „Warum witzig?”, mault Clara zurück. „Ich habe mir das Geburtshaus von Fontane viel größer vorgestellt.”

Einige Schritte weiter stehen wir vor der Pfarrkirche. Dazu kann unsere Lehrerin scheinbar nicht so viel sagen. „Dürfen wir reingehen?” frage ich schnell, um sie nicht wieder wütend zu machen. „Ja, natürlich”, brüllt sie schon wieder. In der Kirche müssen wir leise sein. Sehr schwere Aufgabe. Schon nach fünf Minuten werden wir der Kirche verwiesen, weil einige Jungs einfach nicht aufhören können, sich über den Ausflug lauthals zu beschweren. „Hat es dir da drinnen etwa gefallen?” fragt meine Freundin schnippisch. Bevor ich antworten konnte, sehe ich vor der Kirche einen sonderbaren Mann. „Schau mal der da drüben, komische Klamotten trägt der oder?” Ich bin sonst nicht so, aber der Typ sah zu komisch aus. Den muss ich ansprechen. „Meinst du etwa mich?” verwundert schaut der Mann mich an.

„Oh, entschuldige, an mir gehen sonst immer alle vorbei, niemand spricht mich an. Höchstens macht mir mal eine Taube auf den Hut.”

„Also ich heiße Marieke.”

„Freut mich, ich bin Theodor Fontane.”

Theodor Fontane? Ne echt jetzt? Fragend schaue ich mich zu meiner Klasse um, meine

Augen suchen nach Frau Rasche. Aber niemand ist zu sehen. Keine Klasse, keine Lehrerin.

Alle weg.

„Stimmt etwas nicht?” fragt der Herr Theodor Fontane.

„Ich glaube, ich habe meine Klasse verloren.”

„Oh, wir können sie gemeinsam suchen”, schlägt Fontane vor, „Dabei zeige ich dir ein bisschen meine Geburtsstadt. Früher fand ich es hier überaus langweilig. Heute ist es doch ganz spannend. Findest du nicht?”

Ich weiß nicht recht. Spannend? Neuruppin?

Mich bekümmert vor allem, dass die anderen wie vom Erdboden verschluckt sind. Und ich rede mit einem Mann, über den Frau Rasche gestern im Deutschunterricht noch erzählte, dass er in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feiern würde. Oh man Marieke.

Zögerlich trotte ich mit Herrn Theodor Fontane mit. Er führt mich an den See, zeigt mir die Klosterkirche, die Wichmannlinde, das alte Gymnasium. Zu allem fällt ihm eine kleine Geschichte ein, die Schule mochte er scheinbar genauso wenig wie ich. Zusammen mit ihm vergesse ich die anderen. „Neuruppin scheint doch interessanter, als ich zu hoffen gewagt hatte”, denke ich laut. „Das hätte von mir sein können”, erwidert Fontane höflich.

Und da höre ich plötzlich ein gut vertrautes Brüllen: „Klasse 5b, zu zweit anstellen, ich will zählen, ob keiner fehlt. Und dann ab in den Bus.” Meine Klasse ist wieder da und Frau Rasche, noch immer keine gute Laune. Und ein Eis gibt es natürlich auch nicht mehr.

Ich möchte mich von Theodor Fontane verabschieden und mich bedanken für diesen schönen Nachmittag in Neuruppin. Aber ich kann ihn nirgends mehr sehen.

„Na, haben wir mal wieder geträumt?” fragt meine Freundin Clara?

Wenn das keine 1 wird im Test morgen …