Klaus Modick
Fahrtwind

© Stephan Meyer-Bergfeld

Klaus Modick (*1951 in Oldenburg) studierte Germanistik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer. Er erhielt u.a. den Bettina-von-Arnim-Preis und den Rheingau Literatur Preis und war Stipendiat der Villa Massimo sowie der Villa Aurora. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Der kretische Gast (2003), Konzert ohne Dichter (2015) und Leonard Cohen (2020). Er lebt in seiner Geburtsstadt Oldenburg.

Fahrtwind (erschienen am 15. April 2021 im Verlag Kiepenheuer&Witsch)

Die Bundesrepublik in den turbulenten Siebzigern. Während an den Universitäten die Revolution geprobt und bundesweit nach den Mitgliedern der RAF gefahndet wird, greift ein junger Mann seine Gitarre und reckt den Daumen in den Wind. Ohne Geld und Plan schlägt sich der selbsternannte Taugenichts über Wien und die Toskana nach Süden durch, trifft auf schräge Vögel, hoffnungslose Romantiker, zwielichtige Rocker, Hippies und die große Liebe und entdeckt das unvergleichliche Licht Italiens und die unermessliche Freiheit der Straße.

Textausschnitt

“Am Spätnachmittag erreichten wir eine Hochebene, durch die eine von Zypressen gesäumte Allee schnurstracks auf ein Gebäude zuführte. Die Baumwipfel ragten wie dunkelgrüne Flammen in den sich rötenden Himmel. Kies und Mergel zerplatzten unter den Reifen der Giardiniera, als wir auf das Haus zufuhren. Über einem wuchtigen Erdgeschoss erhob sich eine von Säulen getragene Arkade, die das Obergeschoss umgab. Die von Steinquadern gerahmten, grün gestrichenen Fensterläden und Türlaibungen sahen solide aus, als würden hinter ihnen Versprechen gehalten und Geheimnisse gewahrt. Ihr Grün war noch tiefer als das der bewaldeten Hügel und Berge des Hinterlands, und die ockergelbe Tünche der Wände wurde von dunklen Stockflecken gesprenkelt. Im Zittern von Luft und Licht wirkte das verwitterte Ziegelrot des Schrägdachs wie ein sanft bewegter Samtstoff. Als Wächter ragten links und rechts des Portals uralte Platanen hoch übers Dach hinaus. Der Anblick besänftigte meine Befürchtungen, vielleicht, weil die zurückhaltende, fast schweigsame architektonische Geste etwas Beruhigendes verströmte und mit ihrer sanften Souveränität bewies, dass wahre Schönheit auf selbstbewusster Bescheidenheit beruht.”

Sa. 28.08. | 15:00 Uhr | Altes Gymnasium

Autorenlesung “Fahrtwind”

Moderation: Anja Kretschmer